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Fechten und Empathie

Eine der interessantesten Fähigkeiten, die man im fechten übt, ist die Empathie. Dies mag auf den ersten Blick etwas komisch sein, da man im fechten sich ja gegenseitig "schaden" möchte. Wieso soll ich einer Person, der ich "schaden" möchte, Empathie entgegenbringen? Um diese Frage zu beantworten, hilft es Empathie von Sympathie zu unterscheiden. Beide Begriffe bezeichnen einen Nachvollzug der Gefühle eines Gegenübers. Gewöhnlich unterscheidet sich Empathie von Sympathie darin, wie die Gefühle des Gegenübers nachvollzogen werden. Im Fall von Sympathie geht man mit den Gefühlen des Gegenübers mit, also man fühlt ähnlich, wie das Gegenüber fühlt. Ein geläufiges Beispiel für Sympathie wäre, Mitleid zu empfinden. Im Falle von Empathie hingegen vollzieht man die Gefühlslage des Gegenübers auf einer abstrakteren Ebene. Wenn man jemandem Empathie entgegenbringt, kann man die Person verstehen, ohne sich in eine ähnliche Gefühlslage zu begeben. Ein bekanntes (und meiner Ansicht nach sehr eindrückliches) Beispiel für Empathie ist das des Sadismus. Ein Sadist, der Freude am Leid seines Opfers hat, muss verstehen, dass das Opfer leidet um sadistische Freude zu empfinden. Ohne zu wissen, dass das Opfer leidet, gäbe es für Sadisten keinen Grund, Leute zu quälen. Seine eigene Gefühlslage ist also nicht gebunden an die Gefühlslage des Opfers, trotz des Verständnisses des letzteren. Ähnlich können wir Menschen verstehen, ohne mit ihren Handlungen einverstanden zu sein. Ich kann zum Beispiel verstehen, dass man aus Frustration jemanden schlägt. Für richtig halte ich es jedoch nicht (in den allermeisten Fällen zumindest).

Ähnlich wie beim Sadismus muss man im Fechten die Gefühlslage des Gegenübers nachvollziehen, ohne davon zur Rücksicht motiviert zu werden. Ganz im Gegenteil muss man die Gefühle des Gegenübers soweit manipulieren, bis man seine oder ihre Reaktion voraussagen kann. Wenn dies zutrifft, dominiert man das Gegenüber.

Zugegeben ist Sadismus nicht eine Form der Dominanz, die in diesem Club gefördert wird. Ganz im Gegenteil: Sadismus ist nicht nur aus sozialer Hinsicht fragwürdig, sondern kann einen Fechter auch vorhersagbar machen. Was jedoch Sadismus mit Tugenden verbindet, ist die Empathie. Wie bereits beschrieben, ist Empathie gleichzeitig ein Nachvollzug und eine Loslösung von den Gefühlen.


Der Marquis de Sade


Ich möchte nun behaupten, dass man Empathie nicht nur anderen, sondern auch sich selbst gegenüber aufbringen kann. Damit meine ich, dass man seine eigenen Gefühle nicht nur aus der Ich-Perspektive, sondern auch von "aussen" wahrnehmen kann. Der Philosoph Helmuth Plessner beschreibt dies als die exzentrische Selbstrelation des Menschen. Im Detail glaube ich, dass dies eine sehr komplizierte Angelegenheit ist. Im groben bedeutet es aber einfach, dass man seinen Gefühlen nicht einfach nur folgt, sondern sie auch "von aussen" wahrnimmt, bevor man sich entscheidet nach ihnen zu handeln oder nicht. Wir sind und haben Gefühle gleichzeitig. Offensichtlich ist dies eine schwierige Angelegenheit und zudem eine, die auch nicht immer die bessere Option ist. Aber dass der Umgang mit dem Gegenüber ähnlich ist, wie der Umgang mit seinen eigenen Gefühlen, ist ein fruchtbarer Ansatz im fechten, wie auch im sonstigen leben. Dazu möchte ich ein Beispiel erbringen:

Wenn ich im Zweikampf jemandem gegenüberstehe, ist meine erste und wichtigste Abwehr die Distanz. Örtliche Distanz gibt mir Zeit, die Bewegungen meines Gegenübers zu beobachten und auszuwerten. Erst wenn ich ein rudimentäres Verständnis meines Gegners habe, kann ich mein technisches Repertoire orientieren, sprich: einschätzen wann ich was tun kann, ohne mich einer allzu grossen Gefahr auszusetzen. Ich glaube deshalb, dass eine der ersten und wichtigsten Lektionen des Fechtens ist, bei Bedrängnis eine sichere Distanz zu suchen. Meist bedeutet dies, dass man sich vom Gegner entfernt. Manchmal ist man aber gezwungen die Nähe zum Gegner zu suchen, in dem man Einläuft, bzw. anfängt zu ringen. So oder so vermeidet man, dass man getroffen wird und man gewinnt Zeit um eine mögliche Lösung zu finden.

Ähnlich kann man mit seinen Gefühlen und ihren Ursachen umgehen. Insbesondere glaube ich, dass dieser Umgang bei schwerwiegenderen Gefühlen von Nutzen ist. Kleine Freuden oder Leiden kann man gut ohne bedenken wegstecken. Vorsicht ist viel eher dann geboten, wenn die Konsequenzen des eigenen Handelns schwerwiegende Folgen hat, z.B. dass man ein Schwert ins Gesicht bekommt oder eine neue Beziehung eingeht. Wenn man dabei seine eigenen Handlungen zu dominieren lernt, ist das der Grundstein für die persönliche Integrität. Und mit persönlicher Integrität meine ich einfach, dass man ein Verständnis dafür gewinnt, wieso man in gewissen Momenten sich so und nicht anders verhalten hat. Auch wenn man zu einem späteren Zeitpunkt anders gehandelt hätte.

Auch wenn man mit meiner Meinung bezüglich des Gefühlsmanagements nicht übereinstimmt, finde ich, dass man durch die Fechterfahrung zumindest eine potente Metapher gewinnt, mit der sich das Leben und die Gefühle beschreiben lassen.

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